Montag, 28. Februar 2011
Wirksame Veränderungen brauchen Angst
…jedenfalls eine wohl dosierte Portion davon. Diesen Eindruck habe ich jedenfalls, wenn ich einige der „Klassiker“ im Change Management ansehe:
John Kotter spricht in seinem berühmten Aufsatz über die acht Kardinalfehler bei der Transformation (1) davon „ein ausreichendes Gespür für Dringlichkeit zu erzeugen“. Er berichtet: „Bei einigen der erfolgreichsten Fälle führte eine interne Gruppe eine Krise künstlich herbei. So konstruierte der CEO vorsätzlich den größten Buchverlust der Geschichte des Unternehmens und löste damit einen enormen Druck von Kapitalmarkt aus“.
Ed Schein, emeritierter Professor am MIT, sagt in einem Interview mit dem Harvard Business Manager (2): „Wenn Führungskräfte wirklich Interesse daran haben, dass ihre Mitarbeiter Neues lernen, dann müssen sie ihnen die wirtschaftlichen Notwendigkeiten glaubwürdig vermitteln. Schafft das Management dies, dann kann es die Art von Angst erzeugen, die eine sichere Lernumgebung ermöglicht.“
Prof. Steyrer und Dr. Heupl von der Universität Wien berichten in ihrem Beitrag „Do‘s and Dont’s im Change Management“ (3) von folgenden Untersuchungsergebnissen: „Am Beginn steht also Angst: Angst, die durch eine veritable existenzielle Krise oder aber auch durch einen bedrohlichen Feind ausgelöst wird“

Aber führt Angst nicht zu Blockade, Ausweichen oder gar Flucht? Also genau dem Gegenteil, was bei einer erfolgreichen Transformation erreicht werden soll: Einbindung und erfolgreiche Umsetzung…
Meine Erfahrung ist: Damit in einem Unternehmen ein Anlass für eine Veränderung gesehen wird, bedarf es einer Intervention, die in der Organisation ein Gefühl der Bedrohung, oder hoher Unzufriedenheit auslöst. Die Menschen im Unternehmen treibt dann die Einschätzung: „wenn ich mich nicht ändere, werde ich mit dieser Organisation beruflich nicht überleben“.
Wenn die Notwendigkeit der Veränderung einmal erkannt ist, also die Daten nicht mehr geleugnet oder abgewehrt werden können, entstehen die sog. Überlebensangst bzw. das Schuldgefühl, warum man sich nicht schon viel früher aktiv verändert hat. Jetzt wird es als zwingend notwendig angesehen, dass eine Veränderung eintritt!
In dem Augenblick, in dem eingesehen wird, dass alte Denkmuster und Gewohnheiten aufgegeben und neue gelernt werden müssen, entsteht aber auch Lernangst:
- Angst vor vorübergehender Inkompetenz (denn das Neue kann ich ja noch nicht)
- Angst, wegen dieser Inkompetenz bestraft zu werden
- Angst vor dem Verlust der persönlichen Identität (wenn ich es nicht lernen werde)
- Angst vor dem Verlust der Gruppenzugehörigkeit (weil ich nicht mehr nützlich bin)
Und hier kommt dann wirksames Change Management ins Spiel. Führungskräfte, die als Agenten des Wandels agieren, achten darauf, dass die „Angst“ positiv genutzt wird, indem ihre Führung auf die Zunahme der Handlungskompetenz der Mitarbeiter konzentriert ist. Dies geschieht, wenn drei Prinzipien erfüllt sind:
- Die Überlebensangst ist größer als die Lernangst.
- Ein verbindlicher Veränderungsprozess wird begonnen und offen kommuniziert.
- Der Prozess schafft psychologische Sicherheit bei den Beteiligten, indem er die Lernangst durch konkrete Maßnahmen verringert.
So schwenkt das Veränderungsprojekt auf einen Pfad ein, in dem eine Vielzahl abgestimmter Maßnahmen das Lernen ermöglicht und die notwendigen Kompetenzen bildet. Die Lernangst geht zurück, neue Wege werden beschritten und in der Folge weicht auch der Veränderungsdruck/ die Überlebensangst neuen Chancen und Perspektiven.
Ed Schein empfiehlt daher den Führungskräften: „wir sollten auch nicht vergessen, dass Macht und Zwang immer schon zum Lernen gehörten. Wir sollten uns auf die Gültigkeit und Qualität dessen konzentrieren, was wir vermitteln wollen. Wenn wir unsere Ziele rechtfertigen können und wenn wir es schaffen, dass der Einzelne den Lernprozess akzeptiert, dann scheint Zwangsüberzeugung nicht nur nützlich zu sein, sondern auch vollkommen legitim.“
Was denken Sie?
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(1)John Kotter, Acht Kardinalfehler bei der Transformation, Harvard Business Manager, 3/ 1995
(2)Ed Schein, Blut, Schweiß und Tränen – von der Angst zu lernen, Harvard Business Manager, 5/ 2002
(3)Johannes Steyrer, Wilfried Heupl, Do‘s and Dont’s im Change Management, Organisationsentwicklung, 1/ 2011

Montag, 28. Februar 2011, 16:17
Matthias Gebhardt hat gesagt ...
Montag, 28. Februar 2011, 16:36
Olaf Hinz hat gesagt ...
Montag, 28. Februar 2011, 18:05
Franz Wenzl hat gesagt ...
Montag, 28. Februar 2011, 19:26
Hubertus Wittig hat gesagt ...
Dienstag, 01. März 2011, 00:12
Jungclaus hat gesagt ...
Dienstag, 01. März 2011, 08:28
Olaf Hinz hat gesagt ...
Mittwoch, 02. März 2011, 07:19
Dani Rey (entwicklerey gmbh) hat gesagt ...
Donnerstag, 03. März 2011, 17:08
Jan A. Poczynek | menschen teams organisationen hat gesagt ...
Montag, 07. März 2011, 10:28
Olaf Hinz hat gesagt ...
Freitag, 18. März 2011, 00:27
Olaf Hinz hat gesagt ...
Donnerstag, 16. Juni 2011, 09:51
Michael Rihlmann hat gesagt ...
Sonntag, 18. Dezember 2011, 11:34
Gilbert Dietrich hat gesagt ...