Systemisches Coaching – was ist das?

…werde ich immer wieder gefragt. Obwohl es eigentlich eine unmögliche Idee ist, werde ich eine Antwort wagen. Denn eine systemische Grundposition lautet, dass Coaching eine Beratung in Entscheidungssituationen ist, die immer von unvorhersehbaren Rückkopplungen und Uneindeutigkeit gekennzeichnet ist. In der Überzeugung, dass ein Coach also nie wissen kann, was die richtige Lösung ist (das wäre Expertenberatung), wage ich mich trotzdem vor ☺️:

Navigationshilfen

 

Die Systemtheorie, bzw. die Idee wie lebende Organismen „als Ganzes“ zu verstehen sind, findet sich schon Anfang des letzten Jahrhunderts und spielt in vielen naturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Disziplinen eine Rolle. Für das Feld des Coaching sind drei Bereiche besonders relevant:

 

  • die soziologische Systemtheorie mit Vertretern wie Parson, Bateston und Luhmann,
  • der Konstruktivismus mit Vertretern wie Maturana und von Förster sowie
  • die systemische (Familien-)therapie mit Vertretern wie Ludwig, de Shazer, Weber oder Simon.

In ihrem Standardwerk „Coaching“ beschreiben Backhausen und Thommen die Rolle des systemischen Coaches und seines Klienten so:

„Wer immer vor der Aufgabe steht, das Verhalten anderer Menschen oder sozialer Systeme zielgerichtet zu beeinflussen, ist mit einer fundamentalen Paradoxie konfrontiert. Er muss Verantwortung übernehmen für die Steuerung von Systemen, die sich nach aller Erfahrung nur sehr eingeschränkt und wenig zuverlässig von außen steuern bzw. kontrollieren lassen.“

Struktur kommt vor Psyche

Im Denken von Coaches, die mit dem systemischen Modell arbeiten, wird die Organisation, das Team, das Projekt, etc. als ein Netz rückgekoppelter Prozesse betrachtet. Kooperation, Widerstand oder allgemein gesprochen Probleme, die in diesem Netz auftreten, werden nicht auf (feste) Eigenschaften von Personen zurückgeführt, sondern die Dynamiken der Selbstorganisation stehen im Fokus (sog. Beobachtung 2. Ordnung). Das Augenmerk im systemischen Coaching liegt also zunächst auf dem Kontext, der Struktur und den Prozessen in denen der Klient agiert und danach erst auf dem persönlichen Verhalten. „Struktur kommt vor Psyche“ lautet eine wichtige Regel für die Gestaltung des systemischen Coachingprozesses.

Dem Coach kommt aus konstruktivistischer Sicht die Rolle des Beobachters zu. Denn

„alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt“ (Maturana),

d.h. „Wirklichkeit“ wird zu einem individullen Konstrukt durch eigene Beobachtung. Praktisch umgesetzt bedeutet das: Im Coachingprozess ist es nicht sinnvoll darüber zu arbeiten, ob etwas wirklich so ist oder wahr ist, sondern viel mehr darauf zu achten, welches Bild der Situation ein Klient schildert und was damit für seine Art der Wirklichkeitskonstruktion ausgesagt wird. Die Aufgabe des Coaches ist es, diese Art der Wirklichkeitskonstruktion mit dem Klienten zu reflektieren und auf Angemessenheit, Sinnhaftigkeit oder Ankopplungsfähigkeit bezüglich des Anliegens zu untersuchen. Dazu bedient sich systemisches Coaching u.a. der bekannten Technik des zirkulären Fragens.

Vollständige Kommunikation

Der Kontext, in dem Coaching wirkt, ist durch ein systemisches Verständnis der Schlüsselprozesse Kommunikation, Organisation und Führung bestimmt. Kommunikation wird hierbei nicht als basales Sender-Empfänger-Modell verstanden, sondern als eine Intervention des Senders, beim Empfänger Aufmerksamkeit für eine Nachricht zu erregen. Bateston’s Formulierung dazu:

„Einen Unterscheid anbieten, der beim Empfänger einen Unterschied macht“

ist vielen bekannt. Ob also kommuniziert wird, entscheidet allein der Empfänger. Im Coachingfall ist dies der Klient!

Organisationen sind Emergenzmaschinen

Der Begriff der Organisation ist eng verwoben mit dem Begriff der Emergenz. Damit ist gemeint, dass das Ganze (die Organisation) mehr ist als die Summe seiner Teile (der Mitarbeiter). Menschen schließen sich deshalb zu einer Organisation zusammen, wenn sie ein gemeinsames Ziel verfolgen. Eben weil sie gemeinsam mehr erreichen können. Für den Coach bedeutet dies u.a., alle vom Klienten eingebrachten Themen vor dem Hintergrund der Emergenz, d.h. dem Zusammenspiel im Unternehmen zu betrachten und nicht sofort der Verführung einer individualpsychologischen Zuschreibung (das liegt an XY) zu erliegen.

unentscheidbare Entscheidungen

Führung in rückgekoppelten Systemen ist weit entfernt von der Anwendung kausaler Methoden. Sie hat die Aufgabe, die „unentscheidbaren Entscheidungen“ (von Förster) zu treffen, d.h. vor dem Hintergrund der eigentlichen nicht Steuerbarkeit eines sozialen Systems trotzdem zu handeln. Führung heißt daher vor allem mitzumischen und relevante Wirklichkeitskonstruktionen anzubieten, die von den Mitarbeitern als sinnvoll und angemessen akzeptiert werden. Coaching wird damit zur Hilfe bei der Ausprägung eines Führungsverhaltens, das einerseits bei den Mitarbeitern kommunikativ einen Unterscheid macht und andererseits dazu führt, dass das Team mehr leistet als nur die Summe der Einzelleistungen aller Mitarbeiter.

Coaching repariert nicht, sondern erweitert das Repertoire

Systemisches Coaching will die Phänomene, die ein Klient als Anliegen formuliert (Konflikte, Umgang miteinander, Leistungsverbesserung, Überforderung etc.) nicht als defizitäre persönliche Eigenschaften untersuchen und reparieren sondern die Fähigkeiten erweitern auf die Rückkopplung und Dynamik im System wirksam reagieren zu können.

Gemeinsam tasten Coach und Klient das relevante System ab, um Veränderungschancen (Interventionen) in der Wirklichkeitskonstruktion des Klienten auszuloten. Daraus ergibt sich dann ein Katalog von Verhaltensalternativen (denn es könnte ja auch anders sein), die die Wirksamkeit des Klienten schon allein dadurch erhöhen, dass jetzt ein Repertoire zur Verfügung steht, während vorher meist eingleisiges Verhalten durchzusetzen war. Ein Coach, der auch systemisch denkt, wird also das „Falsche“ nicht durch das „Richtige“ ersetzen, sondern den Klienten unterstützen, in komplexen Umwelten immer in Alternativen zu denken und in Szenarien zu handeln.

…in einem Artikel habe ich das auch für das Coaching im System Projekt beschrieben

3 Gedanken zu “Systemisches Coaching – was ist das?

  1. Systemtheorie in der praktischen Anwendung! Das ist eher eine Seltenheit und in diesem Fall/Blog eine gute! Besonders gefällt mir der Teil „Struktur kommt vor der Psyche“. Würden dies doch mehr Handelnde in Organisationen beherzigen.

    Beste Grüße
    Andreas

  2. Lieber Herr Hinz, ich finde den neuen Blog gut gemacht!
    Einmal das Design: frisch, modern und übersichtlich.
    Dann der heutige Text: Fokussiert auf den Kern der Aussage und pragmatisch direkt.

    Vielleicht sehen wir uns ja mal irgendwann und irgendwo: Diskussionen sind ja straffrei…

    Mit besten Grüßen
    Dr. Uwe Böning /Frankfurt

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