Narzissmus & Führung

Engel und Teufel

Hängen Erfolg und eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zusammen? Sind die Mehrzahl der Chefs psychisch auffällig? Wenn das so wäre, wie ginge man dann damit um?

In den Führungsetagen von Unternehmen finden sich dreieinhalbmal so viele Psychopathen wie im Durchschnitt der Bevölkerung

schrieb Die Zeit bereits in 2013.
…und einige politische Führungskräfte im Morgen- und Abendland stehen auch unter Verdacht…

Gerade wenn die Zeiten unsicher, die Sorgen groß und die Zukunft unberechenbar ist, herrscht große Sehnsucht nach den Helden, die die Richtung weisen und die Organisation in neue Wege führen. Selbstbewusste Typen, die mit hoher Erfolgszuversicht und Durchsetzungsvermögen das Unternehmensschiff wieder in sichereres Fahrwasser bringen, scheinen für diese Rolle die Idealbesetzung. Wenn ich manche Besetzungslisten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aber durchsehe, fordert die Herkulesaufgabe scheinbar manchmal mehr: ignorante, krankhafte Narzissten?

Ich finde, ein Blick auf die Sachlage erleichtert ja immer die Meinungsfindung. Der Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft klassifiziert eine narzisstische Persönlichkeitsstörung v.a. durch

  • ein grandioses Verhalten, d.h. der festen Überzeugung, besser zu sein als andere. Dies zeigt sich oft in herablassendem, aggressivem Verhalten gegenüber anderen.
  • ein Streben nach Bewunderung bzw. eine exzessive Abhängigkeit von anderen in Bezug auf den Selbstwert. Typisch sind übertriebene Versuche, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
  • eine (stark) beeinträchtige Fähigkeit, Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen.
  • eine übertrieben überhöhte oder erniedrigte Selbsteinschätzung (bzw. zwischen diesen Extremen schwankend). Sie erwarten sehr starke Bewunderung für ihre Leistung und Erfolg und dass sie bevorzugt behandelt werden.
  • wenig echtes Interesse an anderen. Denn in der Beziehungspflege dominiert das Bedürfnis mit anderen außergewöhnlich erfolgreichen Personen zu verkehren, weil sie nur von diesen verstanden würden.

Hand aufs Herz, liebe Leser des Lotsenblog: kommen Ihnen ein paar Beschreibungen nicht auch bekannt vor? Ich muss gestehen, dass ich lange einen „Potentialanalyse- Bewertungsbogen“, eingesetzt habe, in dem ich diese Beobachtungsfelder finde:

  • Selbstbewusstsein: ist auch bei Gegenwehr von seiner Lösung überzeugt/ ist unirritierbar/ bleibt auch bei anderer Gruppenmehrheit bei seiner Linie
  • Initiative: treibt die anderen an/ spricht mit Nachdruck/ tritt energisch und selbstbewusst auf
  • Durchsetzungsvermögen: definiert seine Standpunkte und Ziele eindeutig und unmissverständlich / verfolgt die Realisierung seiner Ziele konsequent / setzt sich gegen Widerstände durch
  • Leistungsmotivation: stellt hohe Ansprüche an seine eigene Leistung  & setzt anspruchsvolle Ziele/ wird bei Schwierigkeiten noch aktiver

Gerade in meiner Arbeit als Coach ist für mich in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, dass es eine „helle“ Seite und eine „dunkle“ Seite des Narzissmus gibt. Coaching kann sich dabei um die helle Seite kümmern und muss gleichzeitig den Unterschied zur dunklen Seite klar markieren. Denn eine narzisstische Persönlichkeitsstörung braucht ärztliche/ therapeutische Hilfe.

Führungskräfte benötigen eine gute Portion Durchsetzungsvermögen, Selbstbewusstsein, Initiative und Leistungsmotivation, um wirksam zu sein. Doch diese (wie auch viele andere) Antreiber haben die Gefahr des „Überschießens“, d.h. einer Übertreibung dieser Eigenschaften ins dys-funktionale. Weil das Gute eben auch den Kern des Schlechten in sich trägt.

Ich rate zu einer wachen Selbstbeobachtung und regelmäßigen Feedbackschleifen,

  • wie sich ihr Freundes- und Kollegenkreis entwickelt. Trennen Sie sich von alten Kollegen und (Schul-)Freunden, weil „es mich nicht weiter bringt“ und die „mich eh nicht verstehen“?
  • wie sie sich verhalten, wenn sie nicht in der Spitzengruppe durchs Ziel kommen. Können sie das Ergebnis anerkennen, oder lamentieren sie gekränkt und neidisch über die Bedingungen, Fairness, Startchancen oder gar Vorteilsannahme und Betrug?
  • wie sie sich in Gruppen bewegen. Hören sie zu und beteiligen sich entspannt am Gespräch, oder drängen sie sich oft in die Rolle des Tonangebers, unterbrechen irrelevante Beiträge und klären das Publikum regelmäßig auf „wie die Dinge sind“?
  • wie wertschätzend sie sich behandelt fühlen. Können sie Zurücksetzungen weg lächeln und „sportlich“ nehmen, oder erheben sie laut ihren rechtmäßigen Anspruch auf den Platz an der Spitze der Tafel, eine „priority“ Behandlung und eine (räumliche) Trennung zwischen ihnen und dem Rest?

Je früher sie mit einer wachen Selbstbeobachtung beginnen, umso leichter wird es ihnen fallen, zu erkennen, wann die dunkle Seite zunimmt. Je stärker die dunkle Seite wird, desto mehr leidet ihre Wirksamkeit in der Rolle als Führungskraft, weil sie Akzeptanz verlieren und ihre Lösungen kaum mehr anschlussfähig sind.
Selbsterkenntnis ist hier allerdings nicht nur der erste Weg zur Besserung, sondern sogar ein wirksamer Schutz: Bevor sie ein mit hohen Erwartungen und Chancen ausgestatteter, aber auch einsamer, schwieriger und unbeliebter Manager (oder Präsident) werden….

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