Die neuen Werte hängen gerahmt im Flur und die Führungskräfte haben ein Mindset Training hinter sich. Ein halbes Jahr später läuft vieles wie vorher. Entscheidungen brauchen genauso lange wie früher und zur alten Unzufriedenheit kommt nun auch noch Enttäuschung.
Was Change Theater ist
In meiner Arbeit mit Organisationen begegnet mir oft dasselbe Missverständnis. Kultur wird zu Recht als wichtiger Hebel für Veränderung erkannt und anschließend psychologisiert. Mindsets, Haltungen und Motivation rücken in den Vordergrund, während Strukturen und Prozesse weitgehend unangetastet bleiben. Heraus kommt Change Theater: hoher kommunikativer Aufwand bei geringer Wirkung.
Dahinter steht eine stille Annahme. Wenn die Menschen „richtig ticken“, folgt der Rest von selbst. Die Wirklichkeit in Organisationen sieht anders aus. Selbst hoch motivierte Menschen stoßen an Grenzen, wenn Entscheidungswege undurchsichtig sind oder Anreizsysteme falsche Signale senden.
Struktur kommt vor Psyche
Menschen handeln in Organisationen immer innerhalb von Rahmenbedingungen. Diese Bedingungen erzeugen die Erfahrungen, aus denen Kultur entsteht. Wer Kultur verändern will, muss deshalb zuerst die Bedingungen verändern, unter denen Menschen arbeiten. Haltungen und Werte werden dann als Antwort auf eine erlebte Wirklichkeit wirksam.
Wertearbeit und Führungskräfteentwicklung bleiben dabei wichtig. Sie sind allerdings zweite Schritte. Werte bleiben Papier, solange sie sich nicht in Entscheidungen und in der Verteilung von Ressourcen und Verantwortung niederschlagen.
Was wirksames Change Management zuerst fragt
Wirksames Change Management fragt deshalb zuerst, welche Bedingungen sich ändern müssen, damit neues Verhalten möglich und sinnvoll wird. Die Frage, wie sich Menschen überzeugen lassen, kommt danach. Kultur ist im Change unverzichtbar. Sie ist allerdings das Spiegelbild der Veränderung und taugt wenig als Startpunkt.
Wer Change auf Psychologie verkürzt, überfordert die Menschen und unterschätzt die Organisation. Wer dagegen Strukturen und Machtlogiken ernsthaft in den Blick nimmt und mit Wertschöpfung und Sinn verbindet, schafft die Grundlage, auf der sich Kultur bewegt, langsam, aber belastbar.
Prüfen Sie also bei Ihrem nächsten Kulturprojekt, welche Entscheidungswege oder Anreize sich dadurch konkret ändern. Lautet die Antwort „keine“, sitzen Sie gerade im Theater.
Wer die Bedingungen gestaltet, aus denen Kultur entsteht, erlebt einen Wandel, der trägt.
Ausführlich beschreiben Jens Eschenbächer und ich diesen Zusammenhang in unserem Buch „Wirksames Change Management“. Eine frühere Fassung meiner Gedanken zum Change Theater ist im Magazin StartupValley erschienen (PDF).
Dieser Beitrag vertieft das Prinzip „Wirkung ist, was wirkt“. Alle Prinzipien, nach denen ich in meinen Kundenprojekten arbeite, finden Sie auf der Seite Prinzipien wirksamer Veränderung.